33 – Ich werde furzen

(28.12.2025)

Ode an die Wiesen

Wieseen, Wieseen!

Wie ich Jüngling es genoss,
zu sausen über euch hinfort,
„Gedenk der Sturzen!“,
mahnte Mutter mich den Spross,
„Ich werde (…) hol’n dich später dort.“

Wieseen, Wieseen!

Wer Faunus Früchte ernten will,
und manche Wurzen,
der bedarf des Gottes Segen:
„Nehmt der Äpfel, Pilze, Dill;
ich werde (…) alles dies euch geben.“

Wieseen, Wieseen!

Vor der Schule – grüne Flur.
Was hatten wir für frohe Stunden?
Durften gar den Lehrer duzen.
Sind wir gleich vor der Natur?
Ich würde (…) das sehr wohl bekunden.

Wieseen, Wieseen!

Der Klügste auf der Wies’nfeier,
bezirzt, betört die Frauenherde,
frisst viel, säuft ein Dutzend Kurze
lädt zum Dreier ein und spricht:
Ich denke, dass ich (…) zuschau’n werde.

Wieseen, Wieseen!

>Walter Schmidt-Walde<


Zur Dialektik des Unhintergehbaren

Das Gedächtnis der eigenen Kreatürlichkeit, das, gleichsam als unabschaffbare Residualkategorie des Organischen, sich nicht sublimieren, nicht neutralisieren, nicht tilgen lässt, konstituiert jenen archaisch-modernen Sprengsatz, durch den die spätkapitalistische Zivilisationsfassade, im Glanz ästhetischer Selbstverfeinerung erstarrt, in jedem Augenblick von innen her unterhöhlt wird: als unscheinbar-stinkender Rest, der, sobald er artikulatorisch zur Erscheinung kommt, das gesamte Projekt der bürgerlichen Selbsterhebung zur Lächerlichkeit degradiert, indem er sichtbar macht, dass das Subjekt – trotz aller aufoktroyierten Rationalisierung – im Banne seiner animalischen Faktizität verharrt.

Diese eruptive Evidenz, in ihrer scheinbaren Marginalität von der Ideologie vorsätzlich diskreditiert und denunziert, ist nichts Geringeres als die Antithese zur Totalisierung einer Rationalität, für die die Beherrschung des Leibes identisch mit Herrschaft schlechthin ist – weshalb gerade dort, wo das kleinste Signal des Organischen hervorbricht, der gesellschaftliche Kosmos mit der Gewalt des Unrepräsentablen konfrontiert wird.

Insofern erweist sich die performative Intervention der Macaquinhos, die den Anus – den von Macht- und Kolonialgeschichte gleichermaßen übersäten Brennpunkt des Verdrängten – choreographisch exponieren, nicht als bloße Obszönität, sondern als radikale Wiederaneignung des Unterdrückten: der Versuch, die im Muskelfasern-Archiv sedimentierte Politik der Zivilisierung zu dekonstruieren und im Gestus der kollektiven Entblößung jenes Noch-Nicht einer wahrhaft entkolonialisierten Leiblichkeit aufzuschimmern zu lassen.

Die Pointe der Dialektik wäre also: dass im geradezu schmutzigsten, lächerlichsten und peinlichsten Symptom nicht die Abwesenheit, sondern die höchste Konzentration gesellschaftlicher Wahrheit aufblitzt – Wahrheit, die, weil sie in ihrer Materialität nicht verschwinden will, immer schon den Triumph der Repression dementiert und dadurch Ankündigung einer Befreiung ist, die, wenn überhaupt, nur aus der dunkelsten Zone des Körpers aufsteigen kann.

Und eben darin – dass die mikroskopische Regung des Körpers, die von der Zivilisation mit einem Tabu aus Scham, Lächerlichkeit und Desinfektionsduft umstellt wird, dennoch und immer wieder hervorbricht, als stummer Rest wie als unüberhörbare Negativität, unmißverständlich und unhintergehbar, und dass gerade dieses Residuum, gegenüber dem noch die schönsten Sublimationsapparate der Kultur sich als lächerlich erweisen, den dialektischen Sprengstoff einer Gesellschaft offenlegt, die in der Angst vor dem Tierhaften ihr eigenes Verhängnis inszeniert –, darin liegt die Pointe: dass das im bourgeoisen Bewusstsein Verhassteste zugleich das ist, was sich am radikalsten gegen es wendet, unaufhaltsam, unaufhebbar, unentschärfbar, so dass bereits im kleinsten, unkontrollierten Ausstoß des Leibes nicht nur die Zivilisationslüge zerbirst, sondern – wie in den performativen Schockgesten der Macaquinhos aufblitzt – das Vorzeichen einer Befreiung signalisiert wird, die gerade deshalb wahr ist, weil sie schmutzig, lächerlich und von keiner Macht jemals ganz kolonialisierbar ist.

>Chandler Isle<


Ich werde furzen
Doch heute leider
Nicht an eurem Tische

>.DATENTANK<