34 – Unterm Türsturz

(06.04.2026)

Unter dem Sturz, wo die Fugen ermatten,
flimmert ein Staubkorn im schräg fallenden Licht.
Der Raum dahinter, er hält die Schatten,
doch keiner verrät, was er wirklich verspricht.
Und keiner weiß, wohin der Schritt uns lenkt –
die Gesellschaft, sie ist ambivalent.

Unter dem Sturz, wo die Klinken erklingen,
als trügen sie heimlich ein Echo von Zeit,
verharren die Wege in stummen Schwingen,
bereit für den Aufbruch, bereit für den Streit.
Ein Flüstern weht, das keinen Namen nennt –
die Gesellschaft, sie ist ambivalent.

Unter dem Sturz, wo die Schwellen sich neigen,
als wollten sie prüfen, wer zögert, wer geht,
verharren die Schritte im leisen Verweigern,
ein Atem, der stockt, ein Gedanke, der weht.
Ein Zwischenraum, der uns die Richtung schenkt –
die Gesellschaft, sie ist ambivalent.

Unter dem Sturz, wo die Linien sich kreuzen,
verwischt jede Ordnung im flackernden Schein.
Die Räume dahinter, sie locken, sie täuschen,
und keiner von beiden will Heimat mehr sein.
Ein letzter Blick, der sich nach innen senkt –
die Gesellschaft, sie ist ambivalent.

>Chandler Isle<


Do fühl i mi eigentlich ganz sicher. Wenn i do so stand und da Buch izüh… kann eigentlich nix passiera. Krieg im Iran. Bomben fallen vom Himmel. Die wären froh, wenn se sowas hätten. Ah, des hon se sicher. Die hon jo o Hüsa. O wenn se os Lehm sind, müssen se jo o Türa und Durchgäng ho. Denn künnen se o do drunter stoh, wenn’s brenzlig wird. In Japan o. Immer wenn die a Erdbeben hon, rennen alle zum Türsturz. Wer als erster düt isch. Frauen und Kinder zuerst haha. Hon die o so Regeln wie mia? Im Notfall? Bei uns gibt’s jo o Erdbeben. I woaß no wie’s ma do mol andersch gworda isch, mitten in da Nacht. Stärke 4. Es isch wie a Welle kumma. Immer lütta. Und zmol an Krach als hätt ma im Stock unter mir die Pummerin falla lo. Oda was machsch, wenn’s Hus istürzt? Oh do darf i gär ned dra denka. Baufehler, wo ma nix gwusst hot. Do hosch denn koa Zit mea zum Türsturz zum kumma. Viellicht sött ma einfach mehr Türen macha. Klännere Räum. Denn muss ma immer nur an Sidestep macha und scho bisch in Sicherheit. Denn kann da Putin kumma und die Iraner. Ha! I glob des mach i.

>Walter Schmidt-Walde<


Weit hinter’m Kopfbahnhof am Abstellgleis
Lebt ein obdachloser Tattergreis
Im Dunst von Kotze, Kot und Achselschweiß
Erträumt er sich sein stockbesoff’nes Paradeis
Mich lockte einst ein Rabenschrei
In jenen Moloch bodenloser Barbarei
Des Vogels Ton gefror mir Mark und Bein
Soll hier denn meines Leibes Grabe sein?
Doch da vernahm ich einen grellen Klang
Ja, aus dem Heidestrauch drang Sprechgesang
Dort saß der Greis auf seinem Bollerwagen
Und krächzte heiser raue Molltonarten
So sang er grauenvolle Elegien
Dass auserkoren ihm sein Leben schien
Sang von Frauen, Toden, Bregenz, Wien
Wie er stets auf Kohlen zwischen zweien Wegen ging
„Oh Rhapsode!“ rief ich unverhohlen
„Wie tief der Kummer dieser dunklen Oden
Die so schief von deiner Zunge stoben!“
Schon verlor er sich in vagen Grübelei’n:“
„Ich fand mich standhaft unter’m Türsturz ein
Wo ich mich auch heute noch am besten fühl‘
Nicht im Ballsaal, nicht im Vestibül
So galt gar mein Blick nur jenem Liebespaar
Dessen Glück mir nie beschieden war!“
Wieder schwieg er, war er schier verrückt, verwirrt?
Da gab er mir ein Stück Papier
„Es soll brennen, lodern, werde Asche!“
Da steckt‘ ich’s rasch in meine Hosentasche
Es diene allen als Beweis
Ja, es gibt ihn, diesen Tattergreis

>.DATENTANK<


Unterm Türsturz
Bleibt mein Schritt stehen
Der Stein über mir
Trägt mehr als Mauern
Er trägt mein Zögern
Drinnen
Die Schuld des Bleibens
Draußen
Die Angst des Gehens
Ich stehe
Geborgen im Vielleicht
Eingeklemmt
Zwischen Erinnerung und Möglichkeit
Doch
Der Stein über mir trügt
Er ist kein schützendes Dach
Nur ein schweigsames Messer
Das langsam sinkt
Ich stehe
Schwach wie ein Schatten
Eingesperrt
Zwischen Vergangenem und Ungeschehenem
Unterm Türsturz
Meines eigenen Lebens.

>Louis de Renard<